Schöneicher Integrationsverein „Schtetl” e.V.
Rückschau: 25. Januar 2014
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Wer ist denn Felix Krivin oder wie man Humor nachdichten kann

von Antje Wilding, Leiterin der Schreibwerkstatt Schöneiche

Es ist schon über 10 Jahre her, da suchte Michail Milmeyster vom Schöneicher Integrationsverein „Schtetl“ in Schöneiche einen Nachdichter, der bereit war, ein Gedicht von Felix Krivin, das er in sein Liedprogramm einbauen wollte, ins Deutsche zu übertragen. Im russischsprachigen Raum hatte sich Felix Krivin (geb. 1928) in den 60-er und 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts als Verfasser humoristischer Prosa und Lyrik einen großen Namen gemacht, der ihm allerdings auch manche Schwierigkeit einbrachte: 1973 wurde sein Buch „Nachgeahmtes Theater“ eingestampft (zum Glück passierte es nur mit wenigen Exemplaren, weil die meisten im Handumdrehen verkauft waren), um andere Titel musste heftig mit der Literaturzensur gerungen werden – der Autor ertrug es gelassen. Immerhin hatte er bis zum Ende der Sowjetunion schon 33 Bücher veröffentlicht, war außerdem jahrzehntelang vielgelesener Autor der Satirezeitung „Krokodil“. Etliches von ihm wurde auch in anderen Ländern übersetzt, leider gar nichts in Deutschland.

Von 1955 bis 1998 lebte Krivin im transkarpatischen Ushgorod. 1998 verließ er die Ukraine, um nach Israel zu ziehen und dort als Schriftsteller neuen Fuß zu fassen, was ihm gelang. Seine ironisch-satirischen Werke blieben auch in seiner alten Heimat sehr populär, ihre Hintergründigkeit verlangt jedoch ausgezeichnete Kenntnisse der russischen Sprache, wenn sie adäquat in eine andere Sprache übertragen werden sollen – besonders seine Gedichte. In Peter Dehmel, einem Slawisten und Mitglied der Schreibwerkstatt Schöneiche, fand Michail Milmeyster den Nachdichter, den er suchte. Gleich der erste Versuch traf so sehr den Kern des Krivinschen Humors, dass P. Dehmel ermutigt wurde, weitere Gedichte zu übertragen. Gemeinsam mit der Verlegerin Regine Dehnel widmete er sich einem deutsch-russischen Buchprojekt. Es begann 2005 und endete 2010 mit der Veröffentlichung des zweisprachig russisch-deutschen Bandes Krivinscher Gedichte „Gedanken im Wind“.

2010 wurde in einem eher kleinen Kreis ein erster Versuch unternommen, das Buch in der Öffentlichkeit vorzustellen: in einer Lesung trugen Mitglieder des Integrationsvereins „Schtetl“ und Mitglieder der Schreibwerkstatt Schöneiche Krivin-Gedichte auf Russisch und auf Deutsch vor. Mehrere längere Gedichte, von Michail Milmeyster vertont und parodistisch ausgefeilt, wurden von Anna Tkatsch als Lieder vorgetragen. Dieses kleine Kulturexperiment wurde ein Erfolg, der jetzt in einer zweiten Veranstaltung wiederholt werden sollte.

Als die russischen und deutschen Mitwirkenden jedoch am frühen Nachmittag des 25. Januar 2014 im Erkneraner Rathaus eintrafen, erschien ihnen der vorgesehene Bürgersaal zwar sehr schön, aber allzu groß, denn zeitgleich fand im Heimathaus Erkner eine lokal sehr populäre Veranstaltung statt; vorausschauend hatte man die Bestuhlung des Rathaussaales stark ausgedünnt, denn man rechnete ja nicht mit einem großen Andrang von Besuchern, eher mit einem Häufchen von Enthusiasten der russischen Sprache und Literatur. Doch es kam anders. Dank der Ideen des Erkneraner Vereins „Freunde der Kunst“ unter Leitung von Frau Riedel bei der Vorbereitung und „Vermarktung“ der Krivin-Lesung waren bis 15 Uhr alle herausgenommenen Stühle zurück in den Saal getragen und von interessierten Gästen besetzt worden.

Dann ging es los. Insgesamt mehr als 20 Gedichte wurden zweisprachig von den im Publikum sitzenden Mitwirkenden des „Schtetl“ und der Schreibwerkstatt rezitiert, außerdem sang Michail Milmeyster, von seinem Sohn Pawel Milmeyster auf der Gitarre begleitet, diesmal sechs Lieder selbst. Das Publikum war vor allem von seinem Vortrag der Krähe zu dem Gedicht über den „Vogel Fletti, der so ganz anders flog“ hingerissen. Das „Lied vom Kamel“, das zum Abschluss zweisprachig und emotional sehr berührend gesungen wurde, beendete die Veranstaltung in genau der wunderbar entspannten und glücklichen Stimmung, die dem von den großen Fenstern in den Saal gelassenen letzten warmen Tageslicht entsprach.

Vielen Dank noch einmal an alle, die sich für diese Veranstaltung eingesetzt haben!